91,7 Prozent der Stimmen: Rodenkirch bleibt Bürgermeister in Wittlich

Zweite Amtszeit: Joachim Rodenkirch bleibt Bürgermeister der Stadt Wittlich.FOTO: Klaus Kimmling

Wittlich. Der neue Bürgermeister der Stadt Wittlich ist auch der alte. Der Christdemokrat Joachim Rodenkirch wurde mit 91,7 Prozent der Stimmen gewählt und tritt damit seine zweite Amtszeit an. Herausforderer Henkel bekommt 8,3 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 33,6 Prozent.

Großes Gelächter. Es ist kurz nach 18 Uhr, und ein gutes Dutzend Menschen wartet im Stadthaus mit Bürgermeister Joachim Rodenkirch auf die ersten Auszählungen. Ein weiterer Wittlicher kommt hinzu und fragt: "Kann man schon gratulieren?" "Er zittert noch!", witzelt jemand. Da erscheint ein allererstes Ergebnis aus den zwölf Wahlbezirken: Ein Stimmbezirk aus der Friedrichstraße ist ausgezählt: 92,3 Prozent für Amtsinhaber Joachim Rodenkirch und 7,7 Prozent für Stephan Henkel. Das gibt einen ersten Applaus.

Herausforderer Stephan Henkel selbst kommt erst gut eine halbe Stunde später ins Stadthaus und verschwindet alsdann wieder. Als alle kurz vor 19 Uhr Joachim Rodenkirch zur Wiederwahl gratulieren, ist er nicht dabei, dafür rund 50 Wittlicher vom städtischen Mitarbeiter über Stadträte, Ortsvorsteher bis zur gesamten Rodenkirch-Familie.
Weitaus ruhiger geht es zeitweise vorher in den Wahllokalen zu. Um zwölf Uhr mittags am Marktplatz zum Beispiel. Es gibt Nussecken. Im Alten Rathaus warten vier Wittlicher auf Besuch, darunter Bernhard Lehnen. Er ist Wahlhelfer und rechnet schnell aus, wie hoch die Wahlbeteiligung ist: "Für diesen Stimmbezirk haben wir 1793 Wahlberechtigte und bislang hatten wir 8,7 Prozent Präsenzwähler und 12,5 Prozent Briefwähler." Damit fehlen so viele Stimmen zu 100 Prozent, dass bis zur Schließung des Wahllokals jede Minute auf jeden Helfer ein Wähler kommen müsste. Das ist so oder so utopisch.

Aber wird diese Wahl als eine mit Rekord-Minus-Beteiligung eingehen? An der Clara-Viebig-Realschule plus ist es ähnlich. Dort sagt Hans-Peter Pesch, er sei seit den 1970er Jahren Wahlhelfer und: "Eine so geringe Wahlbeteiligung gab es noch nie. Wir sind jetzt vielleicht bei zehn Prozent, wo wir sonst 20 hätten." In ganz Wittlich nebst Stadtteilen sind 14.223 Menschen aufgerufen, ihr Kreuz für den amtierenden Bürgermeister Joachim Rodenkirch, CDU, der eine zweite Amtszeit anstrebt, oder den parteilosen Stephan Henkel zu machen.

Von diesem Recht machen letztlich 4786 Wittlicher auch tatsächlich Gebrauch. Es sind 4259, die ihre Stimme Rodenkirch geben und 386, die Henkel angekreuzt haben. Und, wie von einem Wahlhelfer zu hören ist, gab es auch relativ viele ungültige Stimmen. Dazu lagen offizielle Zahlen gestern Abend noch nicht vor. Jedenfalls hat manchen diese besondere Wahl auch besonders umgetrieben. So wie die Dame aus Wengerohr, die erstmals persönlich zur Bekanntgabe des Ergebnisses ins Stadthaus gekommen ist. Sie sagt: "Ich wollte es genau wissen. Heutzutage ist ja alles möglich." Und was haben die Wittlicher ansonsten am Sonntag gemacht? Am Nachmittag sitzen jedenfalls viele in der Stadt in der Frühlingssonne und gönnen sich ein erstes Bierchen. Der neue, alte Bürgermeister Joachim Rodenkirch selbst stößt dann kurz vor Sonnenuntergang im Stadthaus mit Sekt an, als gegen 19 Uhr das Gesamtergebnis vorliegt.

Der erste Gratulant ist der Erste Beigeordnete und Wahlleiter Albert Klein. Er verliest das vorläufige Endergebnis, und sagt zu den 33,6 Prozent Wahlbeteiligung: "Das kann man sehen wie man will." Alle scheinen erleichtert, dass es nicht weniger ist. Auch der wiedergewählte Bürgermeister: "Ich freue mich, dass so viele hier sind. Das tut mir innerlich gut. Die Wahlbeteiligung aber ist etwas, das mich umtreibt. Ich glaube, Demokratie braucht Demokraten, und die müssen auch mitwirken an der Demokratie. Nur so lässt sich gemeinsam Zukunft gestalten für Wittlich. Das wollen wir morgen wieder angehen."

Dann wollen ihm alle die Hände schütteln, an diesem Tag persönlich gratulieren. Von Ehefrau Theresia gibt es einen Kuss, während Tochter Anna beim Sekt servieren hilft. Den Altersdurchschnitt aber drückt Sohn Max. "Ja ich bin eindeutig der Jüngste. Und das Ergebnis gut", sagt er.
Mit der CDU wird im Casino der Abend beendet. Der neue alte Bürgermeister hat noch mehr zu feiern: Am Dienstag seinen Geburtstag in der Gewissheit, sich keinen neuen Job suchen zu müssen.

Kommentar
Sie wollen die Wahl, aber so dann doch nicht?

Es war zu erwarten und dann doch enttäuschend. Eine Wahlbeteiligung von 33,6 Prozent ist akzeptabel und doch blamabel. Dass jede Stimme zählt, ist eben keine Plattitüde. Die Beteiligung geht allerorten in den Keller, also auch in Wittlich. Fragt man die Menschen, wollen sie natürlich weiterhin wählen dürfen. Nur: Sie stellen Ansprüche daran, was ihnen zur Wahl geboten werden soll. Dass die anderen Parteien und Gruppierungen keinen Bewerber gegen CDU-Mann Joachim Rodenkirch gefunden haben, ist das Eine. Das Andere ist, dass allein ein parteiloser Mann, stadtbekannt durch Kandidaturen für allerlei Wahlen, als Alternative antritt, die weite Teile der Wittlicher nicht ernst nehmen.
Hört man Nicht-Wählern zu, kann man den Eindruck bekommen, dass dadurch ein merkwürdiger Effekt eintritt. Nicht nur der Gegenkandidat wird mangels Qualifikation außer der schieren Möglichkeit zu kandidieren teils als Zumutung gewertet. Auch der amtierende, wieder antretende Bürgermeister wird nicht mehr als besonderes Angebot für eine Entscheidung angesehen, weil es ihn eben schon gibt. Viele sagen, deshalb sei die Wahl "eh gelaufen". Sie fühlen sich schon ohne gewählt zu haben um ihr Wahlrecht und dessen Folge betuppt. Das sind sie eben nicht. Wenn es zu viel verlangt ist, seine Stimme alle acht Jahre für einen Bürgermeister abzugeben, auch per Briefwahl, was ist überhaupt noch zumutbar? Oder ist das Verweigern ein Protest - aber wofür, wogegen? Gegen den amtierenden Bürgermeister, gegen den Gegenkandidaten, gegen alle, die nicht kandidiert haben? Ist "passiver Widerstand" eine angemessene Umdeutung des Wahlrechts? Es stehen weitere Wahlen an, etwa die Bundestagswahl. Wer auch dann nicht wählen will, aus welchen Gründen auch immer, kann sich anderweitig für die Demokratie einsetzen: als Wahlhelfer. Das wäre wenigstens mal ein Zeichen.
s.suennen@volksfreund.de

FOTO: Klaus Kimmling
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