Die Ära Werner Angsten geht zu Ende

26 Jahre lang war Werner Angsten im Keller Rathaus der Chef: Weil er Ende des Monats in Pension geht, räumt der dienstälteste VG-Bürgermeister in der Region seinen Arbeitsplatz. TV-Foto: Axel MunsteinerFOTO:

Kell am See. Der Verbandsgemeinde (VG) Kell am See steht heute eine politische Zäsur bevor. Werner Angsten, der dienstälteste hauptamtliche Bürgermeister in der Region Trier, tritt nach 26 Jahren als Rathauschef ab und geht in Pension. Zuvor wird der CDU-Politiker in der Sitzung des VG-Rats seinen Nachfolger und Parteifreund Martin Alten offiziell in dessen neues Amt einführen. Der TV blickt auf Angstens lange Regierungszeit zurück.

Kell am See. Der Versammlungsort im Keller Hotel St. Michael ist ganz bewusst gewählt. Seine letzte Sitzung als Bürgermeister der VG Kell wird Werner Angsten am heutigen Mittwoch ab 18 Uhr dort leiten, wo vor 26 Jahren für den CDU-Politiker seine große politische Lebensaufgabe begann. Am 31. August 1988 hatte Willi Erschens, der damalige Erste VG-Beigeordnete, Angsten im Hotel St. Michael offiziell zum Bürgermeister ernannt. Nun wird Angsten selbst ebendort diesen formalen Akt vornehmen und seinen am 25. Mai gewählten Nachfolger Martin Alten (CDU) aus Mandern ins neue Amt einführen.

Drei Wahlsiege: Der aus dem Kreis Cochem-Zell stammende Werner Angsten war 1988 einer von 23 Bewerbern, die sich um die Nachfolge von August Justen (CDU) beworben hatten. Justen war seit der Gründung der VG 1970 Rathaus-Chef in Kell. Als Kandidat der CDU-Mehrheitsfraktion erhielt der damals 39-jährige Angsten am 27. Mai 1988 bei der Wahl durch den VG-Rat 15 Ja- und sechs Nein-Stimmen. Angsten wurde zwei Mal wiedergewählt - und zwar nun direkt durch die Bürger. 1998 setzte er sich mit 62,8 Prozent der abgegebenen Stimmen gegen den SPD-Kandidaten Manfred Rommelfanger (Zerf) durch. 2006 behielt Angsten mit 59,5 Prozent gegen den SPD-Bewerber Christian Kruchten (Schillingen) die Oberhand.

Politisches Selbstverständnis: Angsten betont im aktuellen TV-Gespräch kurz vor seinem Abschied aus dem Amt, dass es ihm stets wichtig war, das "Wir-Gefühl" in der VG Kell zu stärken. Beispielsweise habe er den Anstoß für die Gründung des VG-Orchesters gegeben und dafür gesorgt, dass regelmäßig ein VG-Seniorentag ausgerichtet wird. "Ich wollte auch immer meine Arbeit unparteiisch erledigen. Denn ich bin der Bevölkerung verpflichtet, nicht einer Partei", sagt der heute 65-Jährige. Gerade in der Endphase seiner Amtszeit konnte Angsten mit seiner Haltung bei der Kommunalreform eher auf den Rückhalt von SPD und FWG setzen. So lehnte er 2012 Stimmen aus seiner eigenen Partei ab, die die Aufnahme von Fusionsgesprächen mit der VG Ruwer gefordert hatten. Angsten wollte für den Erhalt der VG Kell kämpfen. Auch bei der Debatte über den Haushaltsplan 2014 und die Höhe der Umlage, die die 13 Dörfer an die VG zahlen müssen, unterstützten SPD und FWG den Verwaltungschef. Angsten hatte sich gegen die von der CDU-Fraktion verlangte Senkung der Umlage ausgesprochen. Andererseits vertrat Angsten bei der aktuellen Windkraftdiskussion den Standpunkt der CDU. Er betonte, dass er gegen den Bau von Rädern in der Kernzone des Naturparks Saar-Hunsrück ist.

Hauptthema in der Anfangszeit: Als junger Rathaus-Chef hat Angsten nach eigener Aussage vor allem vor einer "harten Herkulesaufgabe" gestanden. Als er 1988 ins Amt kam, waren nur etwa 40 Prozent aller VG-Haushalte an eine moderne Abwasserentsorgung angeschlossen. "Damals lief vieles noch ungeklärt in die Bäche", erinnert sich Angsten. Deshalb waren die Investitionen in die Abwasserbeseitigung - zum Beispiel der Bau von acht neuen Klärwerken - ein wichtiges Anliegen. Über 40 Millionen Euro sind mit finanzieller Unterstützung des Landes im zurückliegenden Vierteljahrhundert allein in diesen Bereich geflossen. Heute liegt der Anschlussgrad der VG-Haushalte bei über 96 Prozent.

Die größten Streitfragen: Während der 1990er-Jahre waren die Investitionen in die Abwasserbeseitigung der Auslöser für heftige politische Turbulenzen. Denn um diese Projekte zu finanzieren, wurden die VG-Bürger stärker zur Kasse gebeten. Die Gebühren kletterten. Dagegen lief vor allem die SPD, aber auch die FWG Sturm. Diese Wogen haben sich allerdings längst geglättet. Auch über ein anderes Reizthema spricht heute niemand mehr. In den Jahren 2007/2008 wurde über den Bau der Radwegbrücke bei Kell gestritten. Vor allem die SPD lehnte dieses Projekt strikt ab. Das Bauwerk wurde dann aber doch - mit Hilfe eines privaten Spenders aus Luxemburg - errichtet.

Politische Erfolge: Werner Angsten will sich im TV-Gespräch nicht auf ein spezielles Ereignis festlegen, das er als Höhepunkt seiner Regierungszeit betrachtet. "Erfreulich war immer wieder, wenn wir durch Gespräche erreichen konnten, dass es für unsere wichtigen Vorhaben Zuschüsse gibt", sagt der CDU-Politiker. So konnte zum Beispiel dank Landesförderung in Kell für jeweils rund eine Million Euro ein neues Feuerwehrgerätehaus (2011/12) gebaut und das Freibad (2011) saniert werden. Ein Meilenstein war für Angsten zudem, dass der Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) dazu bereit war, in Kell ein Seniorenheim mit Betreutem Wohnen zu errichten (2007 bis 2009).

Politische Enttäuschungen: Rückblickend hält Angsten bei dieser Frage fest: "Es gab nicht ein Projekt, das ich mir vorgenommen hatte, und das irgendwann beerdigt werden musste." Auch die Kosten seien bei keinem Vorhaben aus dem Ruder gelaufen. "Nicht nachvollziehbar" sei es für ihn aber manchmal gewesen, wenn es plötzlich in den Ratsdiskussionen "Abweichler gab, obwohl wir vorher in den Ausschüssen alle zusammen eine klare Richtung festgelegt haben", so Angsten. Bei der Frage nach den Wasser- oder Abwassergebühren sei das vorgekommen.

Offene Baustellen: Der scheidende Bürgermeister sieht selbst keine wichtigen Themen, die in seiner Amtszeit unbearbeitet geblieben sind. Allerdings ist die Frage nach den künftigen Standorten von Windrädern weiter offen. Angsten beruft sich darauf, dass die VG bei diesem Verfahren zur Änderung ihres Flächennutzungsplans noch auf die Ergebnisse von Fachgutachten warten muss.
Die Besonderheit: Wer Werner Angsten in seinem Büro besucht hat, wird dort eins vergeblich gesucht haben. Es steht dort kein Computer. Den habe er aber auch nicht benötigt, betont der Bürgermeister: "Ich habe eine hervorragende Vorzimmerdame, die mir alles Technische zu 100 Prozent abnimmt. Außerdem habe ich zwar keinen Computer auf dem Tisch, dafür aber in der Tasche." Nach eigener Aussage nutzt Angsten sein Smartphone sehr häufig.
Freudige, traurige und kuriose Momente: Gleich zu Beginn seiner Amtszeit musste Werner Angsten einen schweren Gang antreten. Noch gut kann er sich daran erinnern, wie er einer Familie in Greimerath kondolieren musste. Ein 16-jähriger Jugendlicher aus dem Ort war am 28. August 1988 beim Flugtag-Unglück in Ramstein ums Leben gekommen.
Erfreulich war eine der letzten Amtshandlungen Angstens. In seiner Funktion als Standesbeamter traute der Bürgermeister im August seine eigene Sekretärin Kordula Jost-Schreiner.
Im Mai 2006 ging für Angsten und die CDU-Fraktion eine Abstimmung auf etwas peinliche Art verloren. Die CDU\'ler wollten dem wenige Wochen vorher wiedergewählten Bürgermeister mit einem Blumenstrauß gratulieren. Nur wurde der vergessen. CDU-Ratsmitglied Horst Glessner musste ihn während der Sitzung holen gehen. Deshalb fehlte seine Stimme, als es gegen den Widerstand von SPD und FWG um den Beitritt der VG Kell zum gemeinsamen "Regionalmanagement Hochwald" mit Morbach, Thalfang und Hermeskeil ging. Der Vorfall wurde später in der politischen Szene als "Blumen-Beschaffungssitzung" tituliert.

Die Zeit danach: Im Ruhestand will Werner Angsten viele Radausflüge unternehmen und mit seiner Frau Agnes eine große Wandertour auf dem Mosel-Steig machen. Als Pensionär wolle er sich zudem ehrenamtlich im sozialen Bereich einsetzen, so Angsten.

Wunsch für die Zukunft: Bei der Frage, was er der Verbandsgemeinde Kell wünscht, muss der CDU-Politiker nicht lange nachdenken: "Ich hoffe, dass die VG Kell, so wie sie sich im Guten entwickelt hat, auf Dauer erhalten bleibt und bin da auch sehr optimistisch", betont Angsten mit Blick auf den weiteren Fortgang der Kommunalreform, für die auch der Ausgang der Landtagswahl 2016 wichtig sein wird. Auch das Fortbestehen der Realschule plus Kell/Zerf hält Angsten für sehr wichtig.

Eine Zusammenstellung mit Fotos aus der Amtszeit von Werner Angsten finden Sie auf Seite 10.Meinung

Große Fußstapfen
Die Verbandsgemeinde Kell ist eine touristische Hochburg mit einem guten Image. Obwohl es nach ihrer Gründung 1970 nicht einfach war, den Zerfer und den Keller Raum näher zusammenzubringen, gilt die aus 13 Dörfern bestehende VG heute als gut funktionierendes Gemeinwesen, in dem sich das politische Geschehen zumeist in ruhigem Fahrwasser bewegt. Und nicht zuletzt: Die VG Kell ist noch da und keiner Zwangsfusion zum Opfer gefallen. Angesichts dieser Bestandsaufnahme ist klar: Ebenso wie seinem Vorgänger August Justen ist es auch Werner Angsten gelungen, die VG Kell sicher und souverän zu leiten. In mehr als einem Vierteljahrhundert hat Angsten als Bürgermeister viel bewegt, wichtige Impulse gesetzt und - so weit das erkennbar ist - keine gravierenden politischen Fehler gemacht. Sicher, in der Schlussphase hätten sich selbst einige seiner CDU-Parteifreunde gewünscht, dass Angsten nicht so stark auf Besitzstandswahrung gesetzt und mehr Reformwillen gezeigt hätte. Die offenen Fragen nach der künftigen Grundschulstruktur in der VG und eine stärkere Kooperation mit Nachbar-VG sind dafür Beispiele. Auch die heikle Frage, wo sich künftig in der VG Windräder drehen, muss nun Angstens Nachfolger Martin Alten zusammen mit dem Rat klären. Alles in allem hat der scheidende Bürgermeister aber seine große politische Lebensaufgabe überzeugend erledigt. Werner Angsten hinterlässt in der VG Kell große Fußstapfen. a.munsteiner@volksfreund.deExtra

Werner Angsten wurde am 11. November 1948 in Liesenich (Hunsrück) geboren. Am 1. April 1964 begann er eine Lehre beim damaligen Landratsamt Zell. 1970 wurde er verbeamtet. Bei der Kreisverwaltung Cochem war er später unter anderem für die Wirtschaftsförderung zuständig. 1978 legte er an der Akademie in Koblenz sein Verwaltungs-Di-plom ab. 1988 folgte der Schritt nach Kell. Dort wurde er zum neuen VG-Bürgermeister gewählt. Werner Angsten bezeichnet sich selbst als sehr naturverbunden. Aus diesem Grund fährt er in seiner Freizeit gerne mit dem Fahrrad und wandert. Er ist zudem ein Freund klassischer Musik. Werner Angsten ist verheiratet. Er hat eine erwachsene Tochter und ein Enkelkind. Werner Angsten hat mehrere Ehrenämter inne. So ist er Vorsitzender des DRK-Ortsvereins Kell. ax

top