„Auf keinen Fall ausweichen!“ – Was tun, wenn Tiere über die Straße laufen?

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Trier. Die Region Trier ist sehr wildreich – und für Autofahrer daher nicht ganz ungefährlich. Experten geben Tipps, wie man sich korrekt verhält, wenn plötzlich ein Wildschwein auf der Straße steht.

Mögen die Meteorologen auch fürs Wochenende einen goldenen Herbst ankündigen. Die dunkle Jahreszeit ist nah. So mancher fährt schon jetzt in der Dämmerung zur Arbeit und kehrt im Halbdunkel zurück. Genau in jenen Stunden also, in denen Wildtiere ihre Deckung verlassen, um nach Futter zu suchen. Vielerorts müssen sie dabei Straßen überqueren. Und wenn die Zeit Ende Oktober umgestellt wird, fällt die Suche nach saftigem Gras und wurmreichen Wiesen plötzlich in die Rush-Hour.

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Und damit steigt die Gefahr, dass hinter der nächsten Kurve plötzlich ein Reh auf die Straße springt. Eine Situation, für die es leider keine perfekte Handlungsanweisung gibt. "Ob man nun abblendet, aufblendet oder hupt - alles führt dazu, dass das Wild sich erschrickt. Wenn man Glück hat, springt es von der Straße", sagt Christian Cordel von der Verkehrswacht Trier. Und wenn man Pech hat, bleibt es stehen.

Der Experte, dessen Verein Sicherheitstrainings anbietet, rät Fahrern dringend: Auf keinen Fall ausweichen! Denn die Gefahr, die Kontrolle über das Auto zu verlieren, sei viel zu groß. Es gebe leider die Fälle, in denen die Fahrer dem Reh das Leben retten wollen und selbst sterben, weil sie gegen einen Baum fahren, sagt Cordel. Zudem erkenne die Versicherung Wildschäden nur als solche an, wenn es tatsächlich zur Kollision kommt. "Wenn ich im Graben liege, war es kein Wildunfall", sagt der Fahrsicherheitsfachmann.

Statt auszuweichen solle man mit Rücksicht auf den nachfolgenden Verkehr bremsen, auf der Straße bleiben und den Zusammenstoß in Kauf nehmen. Danach gilt es, die Unfallstelle zu sichern und die Polizei zu rufen. Falls ein Wildschwein angefahren wurde, sollten Fahrer im Auto sitzen bleiben, rät Cordel. Können die verletzten Tiere doch sehr aggressiv reagieren. Die Polizei verständigt dann den Jagdpächter, der verletzte Tiere von ihrem Leid erlöst.
Jäger sind überzeugt, dass ein Großteil dieses Leids und der Gefahren vermeidbar wäre. Mit sehr einfachen Mitteln: mit blauen Reflektoren auf den Leitpfosten, die Tiere mit Lichtreflexionen vor Gefahr warnen, wenn sie von Autoscheinwerfern gestreift werden. Aber ist das wirklich so? Die Ansichten gehen da weit auseinander.

Im Eifelkreis Bitburg-Prüm wurden laut Landesjagdverband 5000 Reflektoren auf 125 Kilometern Straße in 50 Jagdrevieren angebracht. 5000 Euro hat der Kreis gefördert. Den Rest zahlen die Jäger freiwillig. Und was bringt das? Zahlen des Jagdverbands zufolge soll die Zahl der Wildunfälle an den markierten Straßen um 75 Prozent gesunken sein. Auch Kreisjagdmeister Gerd Grebener spricht von einem Erfolg. So krache es nun auf der B 50 zwischen Bitburg und Oberweis oder auf der waldreichen Strecke zwischen der Villa Otrang und Bitburg-Erdorf viel seltener als zuvor. Die Polizei Bitburg jedoch kann auf den genannten Strecken keinen Rückgang der Wildunfälle verzeichnen. Des Rätsels Lösung könnte in diesem speziellen Fall darin liegen, dass die Polizei Jagdpächter schlichtweg nicht mehr über alle Unfälle informiert. Denn viele Jäger weigern sich wegen der aus ihrer Sicht zu hohen Jagdsteuer, die toten Tiere zu entsorgen. Sie sind dazu auch nicht verpflichtet. Und so ruft die Polizei zuweilen (wenn es sich nicht um Wildschweine handelt, die wegen der drohenden afrikanischen Schweinepest meldepflichtig sind) gleich die Straßenmeisterei. Die Verkehrsbehörden kommen allerdings auch nicht zu dem Schluss, dass die blauen Reflektoren viel bringen.

100-prozentige Sicherheit gibt es so oder so nicht. Natürlich funktionierten die Reflektoren nur im Dunkeln, sagt Grebener. "Es läuft aber auch mal ein Reh mittags auf die Straße. Und es wird viel zu schnell gefahren." Der urbane Mensch habe kein Gefühl mehr dafür, was es bedeute, in einer derart wildreichen Umgebung zu leben. Die Sensibilisierung der Fahrer sei noch lange nicht abgeschlossen. Man müsse sich doch fragen: Wie schnell schafft man es, zu stoppen.

Auch Gundolf Bartmann, Leiter des Forstamts Trier, kennt genügend "Rennstrecken", auf denen regelmäßig Wildunfälle passieren, weil die Fahrer ihre Geschwindigkeit nicht dem Risiko anpassen, darunter die B407 zwischen Kell am See und Saarburg oder die L46 zwischen Trier-Quint und Spangdahlem. 5000 der Kunststoffteile sind inzwischen kreisweit montiert. Größtenteils mit Geld der Jäger.

Was diese daher besonders ärgert: "Die Straßenmeistereien entfernen kaputte Leitpfosten komplett, ohne die Reflektoren abzuschrauben", sagt Günther Klein vom Landesjagdverband. Die Jäger fordern, dass Leitpfosten schon gleich bei der Produktion mit den Wildwarnern ausgestattet werden. Doch sind die zuständigen Stellen nicht davon überzeugt, dass sich diese Investition lohnt.

Und so bleibt vor allem eines: Vorsichtig fahren.
Extra

Ernüchternde Studien zu Warnreflektoren

Die Landesregierung hat den Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz (LBM) 2013 beauftragt, Techniken zu testen, die Wildunfälle verhindern könnten. Zwischen Mai 2013 und April 2015 wurden an zehn Straßenabschnitten unterschiedliche Maßnahmen untersucht. Hierzu zählen blaue Wildwarnreflektoren an Leitpfosten, rote Dreibeine aus Holzlatten, die aktuelle Unfallstellen markieren und Verkehrsteilnehmer warnen sollen sowie Hinweistafeln auf Strecken mit erhöhter Wildunfallgefahr. Die nächtlichen Wildunfallzahlen seien am Anfang der Testphase gesunken, aber nicht dauerhaft. 2016 waren sie laut LBM in der Summe sogar höher als 2013. "Wir haben leider eine ständige Zunahme an Wildunfällen. Der Wildwarnreflektor ist leider nicht das Element, mit dem sich eine dauerhafte Reduzierung erreichen lässt", urteilt die Landesbehörde. Die Bundesanstalt für Straßenwesen hält die Kunststoff-Aufsätze schon rein technisch nicht für geeignet, weil zu wenig Licht reflektiert werde. Die Reflexion sei nicht intensiver als "eine Kerzenflamme durch zwei übereinanderliegende Sonnenbrillen betrachtet".

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