Blättern statt Scrollen

Leseclubs für Kinder in digitalen Zeiten

Nur wer lesen kann, hat Chancen auf schulischen und beruflichen Erfolg. Leseförderung ist deshalb unerlässlich. Foto: Oliver BergFOTO: Oliver Berg

Köln. Mayla und Karim hocken auf dem Boden, ganz vertieft in „Die Kleine Hexe“. Karim hält ein Lesezeichen immer unter das Wort, das gerade dran ist. Das hilft dem Achtjährigen. Er liest konzentriert, etwas stockend, stolpert ab und zu. Dann korrigiert ihn Mayla.

Das siebenjährige Mädchen liest jede Stelle einmal, der Junge dreimal. Stimmen kommen von der Kissenecke. Dort nehmen sich Antonius (9) und die siebenjährige Zeynep Zeile für Zeile vor. Abwechselnd. „Immer bis zum Punkt.“ Manchmal springt Lese-Oma Sylvia Farmand ein. Im „Kapitelchen“ in Köln, einem von bundesweit gut 400 Leseclubs. Geht es nach der Stiftung Lesen , sollen es bald doppelt so viele werden für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren, geöffnet in deren Freizeit.

„Nur wer lesen kann, hat Chancen auf schulischen und beruflichen Erfolg“, betont Daniel Schnock, Sprecher der Stiftung. „Und auch für digitale Medienkompetenz ist Lesen unerlässlich.“ Für Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien und für geflüchtete Jungen und Mädchen ist das keine Selbstverständlichkeit. „Nicht alle Kinder haben zuhause Zugang zu Büchern“, schildert Lehrerin Lilli Föhres, die den Leseclub unterstützt. Noch dazu hat das Buch harte Konkurrenz: „Elektronische Medien sind für viele reizvoller, es wird lieber gescrollt statt geblättert.“ Ein breiter Trend, der nicht nur zum Welttag des Buches am 23. April so manchem Sorgen bereitet.

Auch Leseoma Sylvia (76) weiß: „Die Kinder haben inzwischen total auf digital umgestellt.“ Das gedruckte Buch habe es seit Jahren immer schwerer beim Nachwuchs. Daten der GfK-Konsumforscher zeigen für den gesamten Buchmarkt: 2016 sank die Zahl der Käufer um 2,3 Millionen auf 30,8 Millionen im Publikumsbereich, also ohne Schul- und Fachbücher. Im ersten Halbjahr 2017 waren es dann noch einmal 600 000 Käufer weniger.

Genug Gründe also, um früh mit der Leseförderung zu starten, Lust auf Bücher zu wecken. Wer konzentriert Texte erfassen kann, hat es leichter - und Blättern und Scrollen ist dabei eben nicht dasselbe, erläutert Pädagogin Ann-Katrin Ostermann. Das elektronische Lesen verlaufe viel selektiver, schneller, führe oft nicht zu dem tiefen Verständnis, das beim Eintauchen in ein Buch erreicht werde. Sie stellt fest: „Die häusliche Lese-Sozialisation sinkt deutlich.“ Und betont: „Uns geht es auch darum, die Buchkultur zu bewahren.“

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